Antwort auf Heterogenität

Die Lehrerin Anja Segovia an der Hauptschule Bernburger Straße hat eine Antwort auf Heterogenität in Internationalen Klassen gefunden, so schreibt es der Friedrich Verlag in der Fachzeitschrift „Lernende Schule", Ausgabe 83. Das Konzept wurde aus der Praxis heraus entwickelt und hat bereits in vielen Lehrerfortbildungen und Vorträgen großen Anklang gefunden.
In diesen Klassen findet man im ganzen Stadtgebiet Lernende mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen und Fähigkeiten. Sie alle sollen darauf vorbereitet werden, Deutsch als Unterrichtsprache gut zu beherrschen. Das ähnelt der Quadratur des Kreises.
So sind die Schüler/Innen der Internationalen Klasse an der GHS zwischen 10 und 15 Jahren alt, kommen aus 7 Nationen und sind zwischen drei Wochen und fast zwei Jahren in Deutschland. Die bisherigen Bildungsverläufe im Heimatland der Schüler/Innen sind sehr unterschiedlich. Manche haben gar keine oder kaum eine Schule besucht, hier ist der Schriftspracherwerb elementar.
Die GHS führt bei jedem/r Schüler/In eine Eingangsdiagnostik durch. Danach erhält der Lerner ein geeignetes und dem Sprachniveau angepasstes DaZ-Lehrwerk. So wird kein/e Schüler/in überfordert, aber auch kein Lerner unterfordert.
Es impliziert, dass Unterrichtsinhalte nicht frontal an der Tafel für alle erarbeitet werden, was bei diesen unterschiedlichen Sprachentwicklungsständen und unterschiedlichen „Besuchszeiten" der Internationalen Klasse auch gar nicht möglich wäre, sondern das Konzept vielmehr auf drei Säulen beruht, die das individuelle, selbstverantwortliche und kooperative Lernen ermöglichen und ein hohes Maß an innerer Differenzierung zulassen.
Die drei Säulen sind:
1. Arbeitsplan
2. Lernstationen
3. Lerntagebuch
In den Arbeitsplan trägt jeder Jugendliche individuell und selbstständig ein, was in der kommenden Lernzeit erledigt wird.
In der Klasse sind 5 Lernstationen eingerichtet, die sich an den Kompetenzen im DaZ-Unterricht orientieren. Die Lernstationen sind: Hören, Lesen, Sprechen, Lernen und Spielen. Lernstationen das sind separate Tische im Klassenraum, die mit dem entsprechenden Symbol gekennzeichnet sind. Ein genauer Ablaufplan verdeutlicht, wie die jeweilige Station zu bearbeitet ist.
Rückblickend kann die Lehrerin der Internationalen Klasse, Frau Segovia, sagen, dass sie vor allem die Einführung der Lernstationen als großen Gewinn für ihre Arbeit betrachtet. Der Schüler selbst begibt sich von Station zur Station, er durchläuft alle notwenigen Kompetenzen Schritt für Schritt in seinem Tempo. Starke Lerner werden auf diese Weise nicht aufgehalten, sie können schneller den Test am Ende der jeweiligen Lektion in Einzelarbeit schreiben und ihr Sprachniveau nach dem GeR (Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen) bescheinigt bekommen. Schwache Lerner haben ausreichend Zeit und fallen nicht durchs „Raster". Ehrenamtliche Helfer lassen sich gewinnbringend in das Konzept integrieren, indem sie an den Lernstationen die Gruppe unterstützen. Durch die Stationen bewegen sich die Schüler im Klassenraum, sie entscheiden, mit wem sie wann welchen Inhalt besprechen oder welche Kompetenz sie erarbeiten möchte. Ständig ergeben sich neue Schülerkonstellationen; sie sprechen über Inhalte, helfen sich untereinander, geben Erklärungen ab und vergleichen ihre Muttersprachen. Ein Biotop von Mehrsprachigkeit und unterschiedlichen Sprachentwicklungsständen, eine Bereicherung auf mehreren Ebenen. Auf der psychologischen Ebene wird das Selbstbewusstsein gestärkt, der Lerner merkt, dass er selbst der Motor seiner Sprachentwicklung ist. Auf der sozialen Ebene haben vor allem durch das kooperative Arbeiten Reibereien unter den Schülern extrem abgenommen, es ist ein friedliches und konstruktives Miteinander geworden. Die Rolle der Lehrerin hat sich in den Phasen der Lernstationen stark verändert. Sie kann sich auf den individuellen Spracherwerbsprozess des Schülers konzentrieren, Inhalte anleiten und in Ruhe weiterhelfen - ein gutes Gefühl!

An der Hörstation

Fotograf: Ralf Fourmont, Schüler: Sherzad Darwesh Alyas

Zwei Schülerinnen an der Sprechstation

Fotograf: Ralf Fourmont, Schülerin links: Maria Costache Schülerin rechts: Dalman Khalafok

 

Am Ende der Lernzeit werden die Spracherwerbsprozesse der Lerner zusammengetragen und an der Tafel visualisiert. Ein gemeinsamer strukturierter Austausch soll für die Schüler/Innen einen Transfer auf die Metaebene anbahnen. Wie ein Ritual läuft die Rückmeldung in drei Phasen ab.

1. Was hast du gemacht?
2. Was hat gut funktioniert?
3. Was hast du gelernt?

Zur letzten Frage „Was hast du gelernt" schreiben Schüler Beispiele an die Tafel. Sie erklären den anderen Schüler, was sie heute dazu gelernt haben, indem sie einen kleinen Vortrag halten. Die Erfahrung zeigt, dass es dem Vortragenden hilft, sich darüber klar zu werden, ob der neue Inhalt auch wirklich verstanden wurde, indem er auf Fragen seiner Mitschüler antwortet. Die Gruppe ist insgesamt konzentrierter und aufmerksamer, weil nicht die Lehrkraft, sondern ein Mitschüler vorne steht. Auch erleichtert es die Kommunikation untereinander, weil Nachfragen z.B. auch in der Muttersprache möglich wird. Anschließend haben die Lerner die Gelegenheit, sich ihren Lernerfolg zu notieren. Dabei dürfen sie sich die Notationsform (skizzieren, schreiben, etc.) als auch die Sprache aussuchen. Auf diese Weise entstehen vielfältige Portfolios, Spracherwerbsprozesse werden sichtbar und gleichzeitig dokumentiert. Ein Produkt auf das nicht nur die Lerner zu Recht sehr stolz sind.